Ich sehe etwas, was Du nicht siehst.

Diese typische Jahresanfangsnaivität.

 

Da stand ich und blickte aufgeregt auf dieses 2020: Eine pickepackevolle Saison mit Dutzenden von freien Trauungen und Baby-Willkommensfeiern, der Plan für ein Hochzeits- und Textatelier, die goldfoliengeprägten Bewerbungsmappen für spannende Textjobs.

 

Und dann kam Big C. Ich nenne „den Virus“ so, weil ich seinen eigentlichen Namen nicht mehr hören und sehen kann. Er trampelte, holperte und polterte einmal ordentlich über meine Aussichten und das wars: Mindestens zwanzig Zeremonien sind abgesagt oder verschoben, das Hochzeitsatelier wurde dank Big Cs bestem Komplizen, dem Bauamt, gleich vom Tisch gefegt und die Texterei? Braucht kein Mensch, solange Big C die Schlagzeilen fest im Griff hat.

 

Nur das aufgeregt, das blieb irgendwie und zieht sich seither hartnäckig durch meinen Alltag. Anstatt Zitate meiner Brautpaare interpretiere ich jetzt kryptische Mails von Lehrern, ich führe keine Gespräche über Beziehungen, dafür mit meiner Tochter über DIY-Masken. Ich kreiere auch keine Rituale mehr, sondern gesunde Pferdeleckerlies, wenn nicht gerade …

 

Ja, mein „wenn nicht gerade“ ist mein Sohn und hört inzwischen auf den Namen „Shadow“, weil er genau das ist – mein Schatten: „Mami, ich muss Dir etwas sagen“ flüstert er in regelmäßigen Abständen. Dann folgt a) “Ich muss auf die Toilette“ oder b) „Ich habe Hunger“ oder c) „Ich brauche ein Pflaster.“ Alle drei Varianten bedeuten vor allem eines: Steh auf und beweg Deinen Hintern! Er ist so anhänglich wie selten zuvor und hofft einfach nur, dass seine Mami mit Big C und einer Beatmungsmaschine keinen „flotten Dreier“ éingeht …

 

Langeweile? Ixen wir einfach aus – wir schichten zwanzig Jahre abgelagertes Holz um, beerdigen die zwischen den Holzscheiden gefundenen mumifizierten Mäuse und bauen anstatt einem Hochzeitsatelier jetzt eben Erdfallen für Schnecken und Würmer. Abends bekämpfe ich mit dem Yoga-Krieger meine inneren Dämonen und morgens wache ich mit dem Gedanken auf: „Ist doch alles nur geträumt.“

 

Nach fast fünf Wochen mit, aber keine Sekunde ohne Kinder fühlt sich „anders“ längst „normal“ an. Und ich sehe etwas, das Big C niemals zertrampeln kann: Diese bedingungslose Liebe. Sie spiegelt sich in ihren Augen, sie liegt in ihren Blicken und sie streichelt die eine und auch andere meiner Angstattacken glatt. Die Nähe zwischen uns war nie größer als jetzt und sie gibt mir die Hoffnung auf ein „alles wird gut“, denn Hoffnung tragen Kinder ganz selbstverständlich in sich.

 

Danke, ihr beiden geliebten Nervendehner!